Hundertwasser-Vernissage
1998
Bei der Hundertwasser-Kunstausstellung 1998 in Pegnitz führte die
Kunsthistorikerin Elke Kalb M.A. (unser Bild, mit Manuskript) unter anderem
Folgendes aus:
"Friedensreich Hundertwasser
gilt als einer der fünf bekanntesten Künstler der Welt." So urteilte
die Presse anläßlich der bisher größten Werkschau
des Österreichischen Malers in Darmstadt. Was den 70-jährigen
so bekannt und populär gemacht hat, ist nicht nur seine künstlerische
Leistung, sondern sein bemerkenswerter Individualismus und seine medienwirksame
Persönlichkeit. Man kennt Hundertwasser als Verfechter einer humanen
Architektur , als Kämpfer für den Umweltschutz und für die
geistige Freiheit. Dieses Denken bestimmt die Motive und die Bildästhetik
von Friedensreich Hundertwasser.
Um möglichst viele
Menschen mit seiner Kunst zu erreichen entschloss sich der Österreicher
1961 grafisch zu arbeiten. Was Sie heute in dieser Ausstellung in Pegnitz
sehen, sind Original-Grafiken. Das Wort Original-Grafik bedeutet bei Hundertwasser:
Jedes Blatt, das hier ausgestellt ist, gibt es in seiner jeweiligen Farbkombination
nur ein einziges Mal.
41
Druckvorgänge für ein Blatt
So wie das
Werk "The City Man" aus dem Jahr 1982! Es stellt den Kopf eines Pfeife
rauchenden Seemanns dar. Der Rauch steigt in mächtiger Fahne auf,
in der Gesichtsmitte - so hat Hundertwasser einmal erklärt - spiegelt
sich die Weite des Meeres und des Himmels. "The City Man" ist in einer,
für Hundertwasser typischen, komplexen Mischtechnik hergestellt. Mehrere
Druckverfahren wurden dabei übereinander gelegt: Eine Photolithografie
wurde auf eine Zinkplatte vergrößert und davon dann die Basis
gedruckt. Teile dieser Reproduktion wurden nun im Siebdruck überdruckt
und in einer Neufassung überzeichnet. Dabei waren pro Blatt 41 Druckvorgänge
nötig.
"Das Simultanschachspiel
mit mehreren Partnern" - wie der Künstler sein Druckverfahren nennt,
erreichte seinen Höhepunkt bei der Herstellung des Blattes "Homo humus
come va". Dieses entstand 1982 bis 1984 in Venedig, in einer Auflage von
10.002 in 10.002 Variationen. Damit hatte Hundertwasser sein Ziel erreicht,
daß "die Blätter einer Auflage so verschieden sind, wie die
Blätter eines Baumes und alle Blätter, jedes einzelne für
sich eine individuelle Selbstberechtigung hat." Dieser Anspruch und die
enorme Auflagenzahl ist aber ohne die Zusammenarbeit des Künstlers
mit Technikern und Druckern nicht zu erfüllen. Das Blatt "Homo humus"
wurde in 23 Druckvorgängen hergestellt. Den Farbuntergrund bildet
eine Lithografie, darauf folgen Sieb- und Prägedrucke. Aus 10.002
Farbkombinationen wählte Hundertwasser 10.002 aus. Am Rande jeder
Graphik erscheinen die jeweiligen Farben als Farbauszugspunkte. Hundertwasser
listet alle Daten und Zahlen, die zu einem Werk vorliegen, auf jedem tabellarisches
Beiblatt, auf dem jeder Arbeitsschritt nachzuvollziehen ist.
Von der Technik werfen
wir nun einen Blick auf die Formensprache und die Motive des Künstlers.
Als Beispiel möchte ich dabei das Blatt "Die Bäume sind die Blumen
des Guten" herausgreifen.
"Wir
leben im Paradies, wir machen es kaputt"
Hundertwasser
trat immer entschieden in Fragen der Ökologie, der Atomkraft und der
Architektur auf. 1981 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für
bildende Kunst zuerkannt. Bei der Preisverleihung hielt er eine Rede, die
für großes Aufsehen sorgte. Diese Rede spiegelt sich in der
Radierung "Die Bäume sind die Blumen des Guten", die Hundertwasser
zur Zeit der Preisvergabe anfertigte, wider. Ein kurzer Auszug daraus:
"Wir leben im Paradies, wir machen es kaputt. Es ist alles da, um neuen
Morgen, wir haben Bäume und Regen, Hoffnung und Tränen - wir
sind reich".
Hundertwassers Bilder
sind harmonisch, optimistisch, poetisch! Ein wesentlicher Teil der Wirkung
geht von der Farbe aus. Der Künstler bevorzugt intensive, leuchtende
Farben und setzt diese instinktiv ein. Ein Blick auf das Blatt "In Gamba"
zeigt, wie wichtig die Farbgebung bei Hundertwasser ist. Hinter den Beinen
sehen wir das für Hundertwasser so bedeutende Motiv der Spirale. Durch
die Farbe wird die Doppelbewegung pointiert: einmal nach innen, das andere
Mal nach außen. Die Linienstränge sind untrennbar ineinander
gewunden und sind zu einer Einheit verschlungen. Wer dem einen Weg ins
Zentrum folgt, wird vom anderen wieder hinaus gewiesen und er umkreist
dabei doch immer nur aufs Neue die Mitte. In einem Interview hat Hundertwasser
den Ursprung seiner Spirale so erläutert: "Meine Spirale ist aus dem
Ursprung geboren, Ziele langsam zu erreichen".
Das gelassene Ausloten
der eigenen Ziele, das sich Zeit lassen beim Erkennen des eigenen Ichs
spiegelt sich auch im Werk "Silent Steamers " wider. Als Kind verbrachte
Hundertwasser einen Urlaub mit seiner Mutter am Meer. Er beobachtete vom
Strand aus Schiffe, die vor Anker lagen, Rauchfahnen, die steil aus den
Schornsteinen aufstiegen. Dieses Motiv prägte sich ihm unauslöschlich
ein. Er versuchte es, in einer Art Sandburg nachzubauen, was mißlang.
Dann nahm er sich vor, das Problem zu lösen, wenn er einmal groß
sein würde. Und er löste es - als Maler.
Dieses Schlüsselerlebnis
hat Hundertwassers Sehnsucht nach dem Meer, nach Schiffen und nach weiten
Reisen mitbestimmt.
Weltkünstler
mit Sendungsauftrag
Und damit
kommen wir zum Höhepunkt der Ausstellung: dem Werk "Abschied aus Afrika".
1967 unternahm Hundertwasser eine Reise nach Uganda und dem Sudan. Er brachte,
beeinflusst von der Kultur des schwarzen Kontinents, neue Bildanregungen
mit nach Hause. Hundertwasser sieht sich seit dieser Reise als Weltkünstler
mit dem Auftrag, die Weltkulturen instinktiv und intuitiv in seiner Kunst
zu verschmelzen.
Dieses Blatt nimmt aber
auch in einer anderen Hinsicht eine Schlüsselrolle im Werk Hundertwassers
ein. Der Künstler stellte diese Arbeit in einer Druckerei in Rom her
und benutzte zwei unterschiedliche Farbvarianten. Zudem erkannte er zum
ersten Mal die Möglichkeit, in einer vielfarbigen Grafik aufwendige,
teure Metallprägungen in Gold und Silber anzubringen. Im Werk "Abschied
aus Afrika" deutet sich das an, was Hundertwasser im Blatt "Homo humus"
bis zum Extrem steigert: Die Bilder einer Auflage sollen sich ähneln
wie Geschwister, aber nicht wie eineiige Zwillinge...
Leben
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